DER CHRONIST

19.09.2019 20:00

Ein Stück Singener Geschichte.

Marcus Welsch wird am Do. 19.09. seinen Film persönlich im GEMS KINO vorstellen und Fragen der Zuschauer beantworten.

Der Pionier Willi Waibel kämpfte ein Leben lang gegen die Verdrängung des NS-Themas in seiner Heimat an. Seine Begegnung mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa ist die Geschichte einer Versöhnung – die aber zurück nach Deutschland führt, in die Gegenwart. Die Firma Maggi, damals „so braun wie die Würze selber“ und Profiteur des Zwangsarbeit-Systems, gehört heute zu Nestlé. Doch wie geht der Konzern mit der Verantwortung gegenüber der Vergangenheit um? Warum ist es so schwer zu ihr zu stehen? Sind Gegenwart und Vergangenheit sich näher, als es scheint?
Während über die NS-Vergangenheit noch eisern geschwiegen wird, stößt Willi Waibel im Keller der Georg Fischer AG, für die er arbeitet, zufällig über eine Kiste: Personalakten von Zwangsarbeitern – ein bis heute oft verharmlostes Verbrechen. Waibel macht sich auf die Suche, auf eigene Faust und ohne eine akademische Ausbildung zum Historiker. Er klopft an Firmentore, stellt Fragen, schreibt Briefe an die Deportierten von damals, über den Eisernen Vorhang hinweg vor allem nach Polen und in die Sowjetunion. Irgendwann bekommt er Antwort, dann eine Reisegenehmigung. Er trifft die ehemaligen Zwangsarbeiter und sorgt für viel Wirbel vor allem in der Sowjet-Ukraine, wo er auch den Widerstand der Veteranen-Organisationen zu spüren bekommt. Die Begegnungen mit den Menschen, deren Schicksale von den Ideologien des 20. Jahrhunderts gleich mehrfach zerrüttet wurden, sind das Kernstück des Films. In emotional aufwühlenden Interviews schildern die letzten Überlebenden aus Polen und der Ukraine ihre Überlebens-Geschichten.

Dieser Dokumentarfilm ist das Ergebnis einer Langzeitrecherche mit ukrainischen und polnischen Historikerinnen. Trotz anfänglich großer Schwierigkeiten gelang es 1000 Aktenblätter der Filtrationsakten des ehemaligen KGBs zu den ukrainischen Protagonistinnen zu finden. Dank der perfekten Kooperation mit polnischen Stellen gelang es auch, die letzten noch lebenden Zwangsarbeiter, die in Singen als Kinder gearbeitet haben, in Polen zu finden und für den Film zu befragen. Der Film wirft auf der individuellen Ebene der Betroffenen viele Fragen auf: Wie kommt ein Kind, das bei der Aktion Zamość verschleppt wurde, mit der Arbeit in den Lagern der Zwangsarbeiter klar? Wie haben die jungen Frauen, die aus den ukrainischen Dörfern ihrer Heimat verschleppt wurden, den Lageralltag in Deutschland erlebt? Wie finden sie Komplizen und Helfer in den Fabriken und auf den Bauernhöfen? Welcher Lebensgefahr waren sie ausgesetzt? Nicht alle haben überlebt. Das beschäftigte Waibel ein Leben lang. Welches Schicksal ereilte das deutsch-polnische Liebespaar auf dem Bauernhof in Watterdingen und wie versuchte die Dorfgemeinschaft die Geschichte über Jahrzehnte zu vertuschen? Warum war die Konfrontation mit den ehemaligen gegnerischen Soldaten für Waibel der schwerste Moment seines Lebens? Spielte sein Glauben dabei eine Rolle? Aber auch übergreifende historische Aspekte laden zur Diskussion ein. Fragen nach der „doppelten Verfolgung“ der Zwangsarbeiterinnen aus der Sowjetunion, die als „Ostarbeiter“ im Stalinismus Teile ihrer Biografie für ihr Berufsleben zum Teil fälschen mussten. Für welches Schicksal haben sich die polnischen Zwangsarbeiter 1945 entschieden? Sie hatten meist die freie Wahl, im Westen zu bleiben, entschieden sich aber auch, nach Polen zurück zu kehren.
Ein zentraler Punkt bleibt die Verantwortung der Industrieunternehmen zur Zeit des Nationalsozialismus. Wie stehen sie heute zu ihrer Geschichte? Was waren die Umstände, warum die Maggi-Fabrik im Nationalsozialismus für die Wehrmacht in Singen (aber auch in Polen und der Ukraine) produzieren ließ, und warum tut sich die Firmen- Nachfolgerin Nestlé so schwer mit der Aufarbeitung? Auch für Willi Waibel geht der Kampf um die Fragen der Aufarbeitung weiter. Er setzt sich in seiner Heimatstadt für ein kritisches Gedenken dieses Geschichts-Kapitels ein. Was nicht jedem passt. Wenn es um Anfragen bei den beteiligten Firmen geht, gibt es sehr unterschiedliche Reaktionen und Widerstände. Der Film versucht, diese Grauzone genauer auszuleuchten. Es ist in diesem Film zum ersten mal gelungen, offizielle Vertreter der Nestlé vor die Kamera zu bringen, die durch das geschichtlichen Erbe der Maggi-Fabrik bis heute um den richtigen Weg mit der Vergangenheit ringen. Der Film versucht in Form eines Portraits über den Aufarbeitungs-Pionier Willi Waibel diesem Stoff zu begegnen. Dabei geht es auch um die ehrliche Aufarbeitung der eigenen Biografie von Willi Waibel, seiner anfänglichen Begeisterung in der Hitlerjugend und dem Wendepunkt bei der Bombardierung der eigenen Stadt. Es geht um ein Stück europäischer Verflechtungsgeschichte, bei der der unterschiedliche Blick, den die Beteiligten in diesen Ländern auf die gemeinsame Geschichte haben, neu reflektiert werden soll, damit nachfolgende Generationen in einen sinnvollen Dialog mit ihren Nachbarländern darüber bleiben.

Marcus Welsch geboren 1969 in Singen am Hohentwiel. Studium der Philosophie, Geschichte und Literaturwissenschaft in Konstanz, Toronto und Berlin. Seit 1995 Mitarbeit in diversen Filmproduktionen u.a. als Cutter- und Regieassistent bei Wolfgang Becker, Roman Polanski, Jean-Jacques Annaud und Volker Schlöndorff.

D/P/UKR 2019; Regie: Marcus Welsch; Dokumentarfilm; Länge: 90 Min.; FSK: -; Dolby Digital

EP: € 6.50

Kassenöffnung: 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn.
Reservierte Karten müssen bis spätestens 15 Minuten vor Vorstellungsbeginn abgeholt werden, sonst verfällt die Reservierung.

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