DAS SCHWEIGEN-TYSTNADEN

17.02.2019 11:00

Veranstalter / Text: Weitwinkel-Kommunales Kino Singen e.V.

HOMMAGE AN INGMAR BERGMAN (1918 - 2007)  ZUM 100.   #  6

'Guldbagge' -  Schwedischer Filmpreis 1964 für: Beste Hauptdarstellerin (Ingrid Thulin), Beste Regie (Ingmar Bergman) und Bester Film.
'Étoile de Cristal' - Beste ausländische Darstellerin - Ingrid Thulin
'Bambi' 1964

Der schwedische Meisterregisseur Ingmar Bergman (*1918 - †2007) wäre am 14. Juli 2018  100 Jahre alt geworden.  Fortsetzung unserer Hommage an den schon zu Lebzeiten als 'Besten Regisseur aller  Zeiten' Gewürdigten:
Mit TYSTNADEN - DAS SCHWEIGEN wird eine atmosphärisch wie visuell intensive, oft religiös gedeutete  Parabel über Einsamkeit und Kommunikationsverlust 1963  zum vermeintlichen 'Skandalfilm' und Kassenschlager, der bezüglich der Darstellung von Sexualität im Film filmpolitisch wie gesellschaftlich eine nachhaltige Schneise schlug - für Bergman selbst eher unerwartet.

"Es war wohl die erste entscheidende Bresche. Und durch diese Bresche kam eine Menge anderes. Einen gewissen Nutzen hatte er also doch. Worum es in dem Film eigentlich ging, das ging wie gewöhnlich verloren. (..) Grundgedanke ist der Zusammenbruch von Lebensverhältnissen und einer Ideologie. (..) Der Film sollte assoziativ funktionieren - rhytmisch, mit Leitmotiven und Nebenmotiven. Beim Aufbau des Fiilms dachte ich viel mehr musikalisch als ich das früher getan hatte.  (..) Der Film selbst muß Traumcharakter haben."_(Ingmar Bergman, 1969/70)

Ester, ihre Schwester Anna und deren neunjähriger Sohn Johan müssen ihre Heimreise vom Urlaub nach Schweden abrupt unterbrechen, als die lungenkranke Ester einen Zusammenbruch erleidet. In einem fremden Land quartieren sich in einer Stadt namens Timoka, deren Bewohner eine unverständliche Sprache sprechen und die offenbar ovn kriegerischen Auseinandersetzungen heimgesucht wird, in einem alten, labyrinthischen  Hotel der Gründerzeit ein. Dort scheinen sich außer ihnen nur eine aus Liliputanern bestehende Artistengruppe und ein Zimmerkellner, mit dem eine Verständigung nur über Zeichensprache möglich ist, aufzuhalten. Nahezu isoliert von der Außenwelt, inmitten einer von latenter Angst, Verzweiflung und lähmender Sprachlosigkeit geprägten Situation, kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen den Schwestern. Johan beobachtet ihre Entfremdung, die Sehnsucht der kranken Ester nach der Zuneigung von Anna, welche wiederum aus dem Hotel in sexuelle Abenteuer mit einem Unbekannten flüchtet - und damit ihre Schwester damit konfrontiert... [nach: Reclams Filmführer/Lexikon des int. Films/Filmpodium]

Auch wenn Bergman selbst die betreffenden drei erotischen Sequenzen als "an und für sich für ziemlich diskret" hielt, wurde seine für die frühen 60er Jahre eher freizügige Darstellung von Sexualität teilweise als provozierend empfunden. Trotz hoher Besucherzahlen, löste der Film gleichzeitig in allen Ländern äußerst kontroverse Diskussionen aus. In Schweden und Deutschland gab es Anzeigen und Zensurdebatten (gar in den jeweiligen Landesparlamenten). Nur in Schweden und in Deutschland - wo der seinerzeit ab 18 Jahren freigegebene Film mehr als 11 Millionen Zuschauer hatte - kam die vollständige Fassung zur Vorführung, während in anderen Ländern (wenige) Schnitte vorgenommen wurden.
Ingmar Bergman (*17.07.1918/Uppsala - †30.07.2007/Insel Fårö), einflußreicher schwedischer Film- und Theaterregisseur, Theaterleiter, Drehbuchautor und Schriftsteller, realisierte zwischen 1946 und 2004 über 60 Filme für Kino und Fernsehen (ausgezeichnet mit mehr als 58 nationalen u. internationalen Filmpreisen), mehr als 170 Theaterinszenierungen und 50 Hörspiele, verfaßte über hundert (Dreh-)Bücher und Artikel. Zu seinen berühmtesten Filmen, die immer wieder die menschliche Existenz, Glaubensfragen und die Liebe thematisieren, zählen Das Siebente Siegel(1957), Das Schweigen(1963), Persona(1966), Szenen einer ehe(1973) und Fanny und Alexander (1982). Seine Autobiografie veröffentlichte er 1987 unter dem Titel 'Laterna Magica'. 1998 wurde er bei den 50. Filmfestspielen von Cannes als 'Bester Regisseur aller Zeiten' gewürdigt. Das umfängliche Ingmar-Bergman-Archiv wurde 2007 in das UNESCO Welterbe aufgenommen.
2018 finden weltweit Veranstaltungen zur Ehrung seines Lebenswerks statt, mit Theateraufführungen, Ausstellungen, Dokumentationen, Filmretrospektiven, Buchpublikationen oder Festivals.

"Bergman insziert ein Inferno der Angst, Verwirrung und Hilflosigkeit, wobei gerade das Fahelen lautstarker Katasrophen dem Film eine aura eisiger Kälte und suggestiver Bedrohung verleiht. Die Schockwirkung beruht weniger auf spekulativen Details als vielmehr auf der stilistischen Geschlossenheit und Strenge des Films, die allgemein auf Existanznot und univerlelle Entfremdung zu verweisen scheint. Das in einem gottverlassenen artifiziellen Iemandsland angesiedelte Werk ist eine Parabel, die in ihrer Symbolfülle Raum für unterschiedliche Deutungen gibt. Aufgrund seiner Anfang der 60e Jahre provozierenden Dastellungen von Sexualität wurde der Film in einigen europäischen Ländern beschlagnahmt bzw. zensiert. Ein "Skandalfilm" von einst, dessen Existenznot und universelle Verzweiflung noch immer schockieren."_(Lexikon d. int. Films)
"Andeutungen und Bezüge bleiben vieldeutig (...), wie die gesamte Atmosphäre lauernder Gefahr, die Bergman durch schmucklose Bilder  evoziert. So geriet TYSTNADEN wie kaum ein Film zuvor in den Widerstreit der Meinungen. (...)Besonders heftig war die Reaktion auf einige Szenen sexuellen Inhalts."_(Reclams Filmführer)

Aus zeitgenössischen Rezensionen:
"Kunstwerk oder Pornografie?"_(Die Welt, 1964)
"Not for the prudish. It demands maturity and sophistication from the viewer."_(The New York Herald Tribune, 1964)
"On incest, self-defilement and nymphomania, this Bergman latest is the most shocking film I have ever seen. I couldn't believe my eyes."_(New York Daily News, 1964)

(Tystnaden) Schweden 1962/63; Regie/Buch/Produktion: Ingmar Bergman; Kamera: Sven Nykvist; Ausstattung: P.A. Lundgren; Schnitt: Ulla Ryghe, Ton: Stig Flodin; Sounteffekte: Evald Andersson; Musik: Ivan Renliden /(Kompositionen von:S. Pinto, R. Mersey, L. Pollack, J. Seb. Bach);  Produktion: Svensk Filmindustri; Darsteller*Innen: Ingrid Thulin (Ester), Gunnel Lindblom (Anna), Jörgen Lindström (Johan); Hakan Jahnberg (d. Stockwerkkellner), Birger Malmstern (der Barkellner), Die Eduardinis (Zwergtruppe), Eduardo Gutierrez (Impressario der Zwerge); Lissi Alandh (Frau in Varietè), Leif Forstenberg (Mann im Varieté) u.a.;  UA: 23.09.1963/Stockholm (Röda Kvarn, Fontänen); DE: 24.01.1964; Drehformat: 35mm; Kopie: dcp/ 1:1,37 / s/w; Restaurierte Fassung; DD/Mono; OmU (Schwedisch/dtsch UT); FSK: ab 16 J. ;  95 Min.

EP.: € 5.00
Mitgl.: € 3.00

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